Mittwoch, 28. November 2012

Buschland

Wanderung zum Wasserfall

Am Samstag den 24.11.12 wollen eine Freiwillige aus England, drei gleichaltrige Neuguinis aus Asaroka und ich zu einem Wasserfall im Djungel wandern und danach im Haus von Bigman Daniel schlafen. Am So lassen wir uns nach der Kirche wieder im Busch abholen und nach Asaroka bzw. Goroka fahren.
Für mich beginnt das Abenteuer am Samstag um 8:30Uhr. Erst geht es zum Supermarkt (Papindu), um Reis, Tee, Kakau, Zucker, Salz und Thunfisch als Mitbringsel einzukaufen, dann nach Asaroka. Dort holen wir unsere neuguinische Verstärkung ab. Ein Junge in meinem Alter und zwei Schwestern. Alle sind total gespannt und freuen sich, dass es am Wochenende mal etwas abwechslungsreicher im Dorf zugeht. Wir bleiben nur kurz in Asaroka, um die Neuguinis einzuladen, dann fahren wir in Richtung Dorf Wande. Die Straßen links und rechts von Highway sind, wie ich schon berichtet habe, nicht so besonders gut, diese Straße verdienst den Name nicht. Es ist eher ein Trampelpfad aus Wurzeln und Schlaglöchern, aber für den Landcriuser kein Problem. Wir stellen das Auto an einer Furt ab und Springen über die Gehsteine ans andere Ufer, dort setzten wir die Rucksäcke auf und gehen immer bergauf nach Wande.
Wande liegt auf einer Bergnase, die ins Gorokatal hineinragt. Die steilen Hänge links und rechts sind dicht mit Kaffeefeldern bedeckt, oder werden für kleine Selbstversorgergärten mühsam beackert. Die Häuser im Dorf sind wie alle im Busch aus Kunaigras und Bambus. Also die Typischen Kunaihütten aus Neuguinea. Das einzige Wellblechhaus ist die kleine Kirche.

Im Dorf werden wir von Bigman Daniel begrüßt. Er freut sich riesig und lädt uns erst mal in sein Haus ein und stellt uns der Verwandtschaft im Dorf vor. Viele neuguinische Gesichter werden uns Besuchern vorgestellt. Man kommt kaum selbst zum reden, dauernd kommen neue Papas uns Mamas, die einem die Hand schütteln wollen. Alles unheimlich freundliche Leute. Papa Daniel möchte den Wasserfall und den Djungel für ein Turismusprojekt nutzen. Er und seine Familie bieten dann geführte Touren zum Wasserfall an und am ende gibt es noch ein BBQ im Dorf. Dafür braucht er Gelder von der Regierung und er möchte den Wald zu einem Naturschutzgebiet ausbauen. Ich habe einen Brief mit einer Beurteilung von einer deutschen Pastorin mit, um dieses Projekt zu unterstützen und den Wald für die Regierung als Naturschutzgebiet zu empfehlen. Daniels Plan ist lobenswert und als Bigman mit Einfluss sieht der Plan auch machbar aus.
Lange verweilen wollen wir aber nicht, wir wollen noch zum Wasserfall. Daniel sagt und, dass er wegen seines schlimmen Knies nicht mitkommt, aber er schickt einen Sohn mit und ein paar Kinder aus Wande schließen sich mit an. Wir gehen durch die Kaffeegärten bergauf. Immer wieder begegnen wir Leuten, die uns fröhlich begrüßen. Typisch neuguinisch werden wieder viele Hände geschüttelt. Wir kommen vorbei an Hütten und Häusern, an einer runde Männer, die Bingo mit Kaffeebohnen spielen, während der frisch geerntete Kaffee in der Sonne trocknet. Man grüßt und geht weiter. Ab und zu kommen Ziegen, oder Schweinefamilin aus dem Gehölz am Weg. 
Diesem Dorf scheint es gutzugehen. Tiere und speziell Schweine sind ein Indikator für Wohlstand in Neuguinea. Die Sonne scheint warm und es weht ein leichter Wind über den Bergkamm und wir gehen immer höher. Bald haben wir die Dorfgrenze überschritten und kommen nur noch vereinzelt an Kaffeesträuchern vorbei. Die Natur um uns herum wird wilder. Hier stehen Bambus und Kiefern und dazwischen Palmen, auf denen man die schmackhaften Karukunüsse findet. Der Fruchtballen sieht aus, wie ein eingerollter Igel. Er wird mit einer Machete aufgeschlagen und dann kann man die Fingerdicken und -langen Nüsse aus dem weichem Fruchtfleisch puhlen.
Man kann sie über dem Feuer grillen, oder gleich essen. Wir nehmen uns ein paar Ballen als Picknick mit.
Der Weg ist nur noch ein Trampelpfad und im Schatten, wo er von der Sonne nicht getrocknet wird, ist er tief vermatscht. Man versinkt bis zum Knie im Matsch. Wir ziehen unsere Sandalen aus und gehen barfuß. Schuhe haben hier einfach keinen Sinn! Wo der Matsch zu tief ist liegen Steine und Äste und wir balancieren durch den Wald, der immer mehr zum Djungel wird. Wenn man so auf den rutschigen Ästen balanciert, fälllt natürlich mal jemand in den Matsch. Das wird mit großem Gejohle begleitet. In Neuguinea ist man grundschadenfroh, wenn jemandem etwas dummes passiert, oder hinfällt wird ihm nicht aufgeholfen, sondern man lacht ihn aus und freut sich, dass es nicht einem selbst passiert ist.
Diese Seite der Neuguinis gefällt mir nicht so gut, warum hilft man nicht?
Unser Trampelpfad endet an einem Fluss. Der ist schon der Fluss, der zum Wasserfall gehört erzählen uns die Jungs aus dem Dorf. Wir springen von Stein zu Stein über den Fluss und stehen im Urwald. Hier kann ich keinen Weg mehr erkennen, aber die Neuguinis wissen wo es langgeht. Eine Weile halten wir uns am Fluss, dann klettern wir an einer steilen Klippe entlang und lassen den Fluss beiseite und schlagen uns in den Wald. Immer bergauf klettern wir über Baumstämme und Wurzeln. Im Urwald muss man aufpassen woran man sich festhält. Einige Äste sehen stabil aus, sind aber nur heruntergefallen und geben keinen Halt, andere haben fiese Dornen, die man zuerst nicht sieht.
Rutschend und schnaufend kommen wir am ersten kleinem Wasserfall an und machen eine kleine Picknickpause, wären die Weißnasen Fotos machen und vor dem Wasserfall posieren. Hier beginnt auch die Frischwasserleitung für Wande. Das Rohr kommt direkt aus dem Kleinem natürlichem Becken, in das das Wasser sprudelt.
Am Wasserfall entlang klettern wir weiter durch den Wald und kommen am Fluss entlang, der hier immer verwunschener wird. Hier kann man sich gut vorstellen, wie Waldgeister ihr Unwesen treiben. Riesenfarne und Schlingpflanzen stehen am „Weg“. Ich sehe nur noch grün ab und zu eine schöne, bunte Blüte, aber unsere Führer klettern weiter voran. Und dann erreichen wir eine riesige Felswand an der der Wasserfall hinabgeht. Die Wand ist ca. 40 Meter hoch. Am Boden hat sich ein kleiner See gebildet und an der Seite Stürzt der Fluss herab. Atemberaubend! Am Seeufer machen wir unsere Mittagspause. Hier lässt sich viel fotografieren: kleine Schmetterlinge an der nassen Felswand, die Gischt des Wasserfalls und das Licht, das sich im Sprühnebel bricht. Ich bekomme Lust auf eine kalte Dusche im Wasserfall. Und möchte gerne hinaufklettern.
Erst heißt, es es sei zu gefährlich, aber nach langem Bitten lässt mich ein Neuguini mit ihm mit nach oben klettern. Die Neuguinis sind immer sehr besorgt, um ihre Gäste. Auch wenn die Klettererfahrung haben und schon ganz andere Sachen gemacht haben. Man ist besorgt. Das kann unheimlich nerven, ist aber eigentlich nur nett gemeint.
Von Oben hat man eine tolle Sicht auf das Tal. Ich bleibe eine Weile oben und schaue mir alles an. Die Jungs erzählen mir, dass ich der erste Weiße hier oben bin. Ich bin schon ein wenig stolz und mein Entdeckerherz schlägt schneller bei dieser Nachricht. Die Jungs nennen mich Mann vom Wasserfall. Und auch Daniel wird mich später so nennen.
Auf den Rückweg gehen wir einen anderen Weg und kommen an einem Stück gerodetem Wald entlang. Einer unserer älteren Jungs erzählt, das er hier ein Haus bauen will. Der junge Mann ist vielleicht 24 und baut ein Haus mitten im Wald. Hier oben sagt er, hat seine Familie Land. Weiter unten ist alles verteilt. So muss er erst mal eine Grade Fläche in den Wald schlagen und die Riesenfarne ausreißen, ob er weiß das sie unter Naturschutz stehen?
Es geht wieder zurück über den Wasserfallfluss und durch den Matsch, dann stehen wir wieder in den Feldern. Von hier oben an der unnatürlichen Baumgrenze hat man einen genialen Ausblick auf die Bergnase mit dem Dorf und dahinter das Gorokatal.
Bei Bigman/Papa Daniel gibt es Zuckerrohr bei unserer Ankunft. Man reißt mit den Zähnen die bambusähnliche, harte Außenhaut ab und kann dann das weichere innere Holz essen. Es schmeckt Süß, natürlich nach Zucker. Und in einem Land, in den Kakao zwar angebaut wird, aber keine Schokolade hergestellt wird, ist es eine gute Alternative, um mal zu „naschen“. Ganz natürlich!
Wie erzählen von unserem Tripp und Papa Daniel erzählt weiter von seinem Tourismusprojekt.
Es wird Abend und die Mamas beginnen zu kochen. In PNG nennt man auf dem Dorf alle älteren, wertgeschätzten Frauen und Männer, Mama und Papa und diese Familie ist mir ans Herz gewachsen.
Es gibt für jeden etwas ein Kilo gekochten Reis, Kartoffelpommes und Karottenpommes mit Frühlingszwiebel- Thunfischsoße. Schmeckt lecker, ist aber für untrainierte Mägen einfach zu viel. Wir Weißnasen schauen uns um, überall werden Teller wieder zurückgegeben, nur wir beiden kauen noch an der einen Hälfte unseres Tellers. Wir haben beide eine volle Portion gegessen, aber der Teller sieht so unberührt aus. Gott sei Dank, kann man Essen zurückgeben ohne schief angesehen zu werden. Jemand anderes wird es sich morgen aufwärmen und essen. Hier kommt an essbarem nichts weg. Sehr sympatisch!
Dass die Neuguinis so viel essen liegt daran, dass sie einmal morgens und einmal abends essen und zwischen durch nichts. Nach dem Essen ist es dunkel. Die Sonne fällt in den Tropen immer noch mit einer ungewohnten Geschwindigkeit hinter die Berge, innerhalb von einer halben Stunde ist es von taghell, stockdunkel geworden.
 Es wird sehr süßer Tee über dem Feuer gekocht. Ich habe Nesquickkakau mitgebracht und der wird gleich mit im Schwarztee verarbeitet. Süß ist in PNG super-süß, meint aber auch lecker, wenn man im Pidgen „sweet“ sagt. Vielleicht eine sprachliche Erklärung, warum alle Neuguinis sich Zucker fast roh und löffelweise und den Mund schütten.
Der Papa erzählt noch eine Geschichte von den ersten Missionaren in den Highlands und wie die Neuguinis damals Bäume gefällt haben, 1930 mit Steinbeil, dann gehen wir schlafen. Es ist grade mal 21 Uhr, aber durch den harten Tag und weil es kein Licht mehr gibt, außer dem Feuer, ist man müde.
Am nächsten Morgen stelle ich mich erst mal an den Rand des Dorfes und schaue mir den grandiosen Sonnenaufgang an. Man steht mit der Sonne auf. Ich genieße die kühle Luft und schaue auf die Wolken im Tal. Das sind Augenblicke, die man bewahren muss.
Zum Frühstück gibt es gebratene Kaukau (Süßkartoffel) und sehr süßen Kakau-Tee. Nach dem Frühstück gehen wir und am Fluss in Tal uns waschen. Der Weg zum Fluss führt steilst bergab durch die Kaffeefarm von Daniels Familie, Aber es lohnt sich. Der Fluss ist der gleiche, wie der des Wasserfalls. Das Wasser ist kristallklar und eiskalt. Er liegt in einer engen Klamm umgeben vom Urwald und den Kaffeefeldern.
 Nach dem Waschen gehen/wandern wir zur Kirche. Die Kirche liegt auf der anderen Seite des Tals, dass ich immer bewundert habe. Der Weg führt erst steil bergab, dann über eine Furt eines anderen Flusses und an der anderen Seite des Tals wieder durch Kaffeefelder steilst bergauf. Es ist heiß und das Wandern mit Rucksack echt anstrengend. Als wir bei der Kirche ankommen müssen wir mal nicht warten, der Gottesdienst beginnt fast sofort. Etwas Besonderes und er dauert auch nicht sooo lange, sondern nur normale 45 Minuten.
Nach den kurzem Gottesdienst schaue ich noch der Sonntagsschule zu, die ein paar Tänze für die große Versammlung am Montag üben. Dann werden wir abgeholt. Papa Daniel schenk uns Weißen je ein Bilum (Pdg.: Umhängetasche), weil er sich so gefreut hat, dass es uns so gefallen hat. Auf dem Rückweg helfen wir einem LKW-Fahrer und ziehen seinen LKW aus dem Dreck. Und dann geht es schnell nach Hause und auf feste Straßen, denn ein Gewitter kommt und da will man nicht auf den steilen Nichtstraßen des Busches Steckenbleiben.
Ein sehr gelungenes, abenteuerreiches Wochenende!

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